Gift und die alten Herren

© Freyja Schimkus
Erstveröffentlichung in der Studenten-Zeitschrift campus:echo (#02) der Universität Erfurt. Hier anschauen und herunterladen.
Ich kenne sie schon seit so vielen Jahren nicht. Ein Bild ist mir noch immer nicht bekannt, ich träume nicht von ihr, nichts liegt mir ferner als das. Man sagt, zumindest die alten Herren sagen das, die mit den Falten und den grauen Haaren, die mit den abgetragen Pullovern und Hosen, sie sagen, ihre Präsenz habe der einer Königin geglichen, majästetisch. Mit strahlenden Augen sagen sie das, als würden ihre Erzählungen sie wieder zum Leben erwecken, als würde sie gerade in dem Augenblick, in dem ihr Name gesprochen, lächelnd durch die Türe treten, wie selbstverständlich, wie alltäglich.
Doch nichts von dem passiert.
Sie erzählen grölend ihre Geschichten, volltrunken, sie strahlen kurz, dann widmen sie sich wieder ihren Fernsehern, schauen den Nachrichtenkanal und sprechen über Politik, „diese Hurensöhne!“, dann trinken sie wieder ihre Biere und legen sich resigniert über den Bartresen und kurz vor dem Zusammenstürzen, kurz vor dem Zusammeklappen, mit dem übrig gebliebenen bisschen Kraft in ihren hageren Körpern, bestellen sie sich ein letztes Pils.
Sie nennen sie Gift. Wie sie wirklich heißt, das wissen auch die alten Herren nicht. Niemand weiß es. Doch alle nennen sie Gift, manchmal gehässig, manchmal zärtlich.
Gift ist eine Asiatin, „eine Vietnamesin, die aussah wie eine Polin!“, schreit einer vom Tresen, und ihren Namen hat sie ihrer Existenz zu verdanken: Gift sei ein Geschenk gewesen, sagen die alten Herren, sie habe sie alle damals gerettet, als sie jung waren und weit weg von Zuhause. Man könne das gar nicht alles in Worte fassen, sagen sie, man hätte das alles mal sehen müssen. „Überall Staub, ich habe nichts Anderes gefressen den ganzen Tag. Staubbrot, Staubwasser, und es war laut, verdammt, es war verflucht laut und die Augen waren stets nach links und rechts gerichtet, niemals geradeaus“, denn von vorne hat man den Feind nicht erwartet, „von vorne ist der Feind nie gekommen!“ Irgendwann habe man Ventile gebraucht, „man kann nicht ewig in die Luft ballern!“, alle alten Herren seufzen und schütteln die Köpfe, „das kann man wahrlich nicht tun“, sagt einer und schließt die Augen.
Der Körper, der ach so junge Körper damals, der habe immer Sehnsucht gehabt. Immer nur dieselben Wege laufen, immer wieder mal, wenn sich die Gelegenheit bot, in die Ferne schießen, „verfickte Reisfresser!“, es habe sich extrem viel gestaut, „auch in der Hose!“, lacht einer dreckig und die anderen alten Herren drehen sich um, schauen ihn an und lächeln milde mit. Denn als Gift kam, sich quasi in ihre Leben streute, nahmen sie ihren ganzen Mut zusammen und inmitten des ganzen Staubs und inmitten des ganzen Ärgers, der Pistolen- und Gewehrschüsse, den Bomben und dem Geschrei, inmitten von Chaos und Anarchie, inmitten von Willkür und Unbeständigkeit, von Überraschungen und Unwissen, inmitten all der Ziellosigkeit und all dem Stress, der unglaublichen Hitze und der Fremde, inmitten von Feinden und nur wenigen Freunden, dort haben sie ihr Geschenk ausgepackt. Zuerst haben sie es festgehalten und geschüttelt und gehorcht und gelächelt, sie haben sich amüsiert, die damals jungen Herren, haben sich das Geschenk hin- und hergeworfen, hin- und hergeschoben, haben vor lauter Ungedud das Geschenkpapier einfach aufgerissen und die Fetzen auf dem Boden liegen lassen – es war wirklich tolles Papier! –, haben das Objekt beobachtet, es war wunderschön und jung, unbenutzt, dann haben sie das Geschenk unter sich aufgeteilt, jeder hat auf seine Runde gewartet, jeder kam auf seine Kosten.
Es war das schönste Geschenk, das sie bis dato je erhalten hatten.
Der Barkeeper klopft dreimal auf seinen Tresen. Die alten Herren greifen alle fast gleichzeitig nach ihren Gläsern, trinken die darin enthaltenen letzten Schlücke, schmatzen ein letztes Mal und stellen sich mehr oder weniger gerade auf. Langsam bewegen sie sich zum Ausgang, verlassen die Bar und gehen Schulter an Schulter torkelnd die Straße runter.
Ich bleibe hinter ihnen, folge unaufmerksam. Als wir in einer dunklen Gasse ankommen, die betrunkenen Gestalten nur noch Konturen, räche ich meine Mutter.
Ich bringe sie alle um.






