Etwas Grenzenloses Khesrau Behroz

3 February 2010

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Gift und die alten Herren

© Freyja Schimkus

Erstveröffentlichung in der Studenten-Zeitschrift campus:echo (#02) der Universität Erfurt. Hier anschauen und herunterladen.

Ich kenne sie schon seit so vielen Jahren nicht. Ein Bild ist mir noch immer nicht bekannt, ich träume nicht von ihr, nichts liegt mir ferner als das. Man sagt, zumindest die alten Herren sagen das, die mit den Falten und den grauen Haaren, die mit den abgetragen Pullovern und Hosen, sie sagen, ihre Präsenz habe der einer Königin geglichen, majästetisch. Mit strahlenden Augen sagen sie das, als würden ihre Erzählungen sie wieder zum Leben erwecken, als würde sie gerade in dem Augenblick, in dem ihr Name gesprochen, lächelnd durch die Türe treten, wie selbstverständlich, wie alltäglich.

Doch nichts von dem passiert.

Sie erzählen grölend ihre Geschichten, volltrunken, sie strahlen kurz, dann widmen sie sich wieder ihren Fernsehern, schauen den Nachrichtenkanal und sprechen über Politik, „diese Hurensöhne!“, dann trinken sie wieder ihre Biere und legen sich resigniert über den Bartresen und kurz vor dem Zusammenstürzen, kurz vor dem Zusammeklappen, mit dem übrig gebliebenen bisschen Kraft in ihren hageren Körpern, bestellen sie sich ein letztes Pils.

Sie nennen sie Gift. Wie sie wirklich heißt, das wissen auch die alten Herren nicht. Niemand weiß es. Doch alle nennen sie Gift, manchmal gehässig, manchmal zärtlich.

Gift ist eine Asiatin, „eine Vietnamesin, die aussah wie eine Polin!“, schreit einer vom Tresen, und ihren Namen hat sie ihrer Existenz zu verdanken: Gift sei ein Geschenk gewesen, sagen die alten Herren, sie habe sie alle damals gerettet, als sie jung waren und weit weg von Zuhause. Man könne das gar nicht alles in Worte fassen, sagen sie, man hätte das alles mal sehen müssen. „Überall Staub, ich habe nichts Anderes gefressen den ganzen Tag. Staubbrot, Staubwasser, und es war laut, verdammt, es war verflucht laut und die Augen waren stets nach links und rechts gerichtet, niemals geradeaus“, denn von vorne hat man den Feind nicht erwartet, „von vorne ist der Feind nie gekommen!“ Irgendwann habe man Ventile gebraucht, „man kann nicht ewig in die Luft ballern!“, alle alten Herren seufzen und schütteln die Köpfe, „das kann man wahrlich nicht tun“, sagt einer und schließt die Augen.

Der Körper, der ach so junge Körper damals, der habe immer Sehnsucht gehabt. Immer nur dieselben Wege laufen, immer wieder mal, wenn sich die Gelegenheit bot, in die Ferne schießen, „verfickte Reisfresser!“, es habe sich extrem viel gestaut, „auch in der Hose!“, lacht einer dreckig und die anderen alten Herren drehen sich um, schauen ihn an und lächeln milde mit. Denn als Gift kam, sich quasi in ihre Leben streute, nahmen sie ihren ganzen Mut zusammen und inmitten des ganzen Staubs und inmitten des ganzen Ärgers, der Pistolen- und Gewehrschüsse, den Bomben und dem Geschrei, inmitten von Chaos und Anarchie, inmitten von Willkür und Unbeständigkeit, von Überraschungen und Unwissen, inmitten all der Ziellosigkeit und all dem Stress, der unglaublichen Hitze und der Fremde, inmitten von Feinden und nur wenigen Freunden, dort haben sie ihr Geschenk ausgepackt. Zuerst haben sie es festgehalten und geschüttelt und gehorcht und gelächelt, sie haben sich amüsiert, die damals jungen Herren, haben sich das Geschenk hin- und hergeworfen, hin- und hergeschoben, haben vor lauter Ungedud das Geschenkpapier einfach aufgerissen und die Fetzen auf dem Boden liegen lassen – es war wirklich tolles Papier! –, haben das Objekt beobachtet, es war wunderschön und jung, unbenutzt, dann haben sie das Geschenk unter sich aufgeteilt, jeder hat auf seine Runde gewartet, jeder kam auf seine Kosten.
Es war das schönste Geschenk, das sie bis dato je erhalten hatten.

Der Barkeeper klopft dreimal auf seinen Tresen. Die alten Herren greifen alle fast gleichzeitig nach ihren Gläsern, trinken die darin enthaltenen letzten Schlücke, schmatzen ein letztes Mal und stellen sich mehr oder weniger gerade auf. Langsam bewegen sie sich zum Ausgang, verlassen die Bar und gehen Schulter an Schulter torkelnd die Straße runter.

Ich bleibe hinter ihnen, folge unaufmerksam. Als wir in einer dunklen Gasse ankommen, die betrunkenen Gestalten nur noch Konturen, räche ich meine Mutter.

Ich bringe sie alle um.


29 January 2010

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Interview mit Hochschulfernsehen

Das Hochschulfernsehen der Uni Erfurt hat mich dabei gefilmt, wie ich vor Selbstbewusstsein strotze. Spitze!

Dank an Milan, der das Interview geführt hat und die nette Kamerafrau, die rückwärts durch den Schnee latschen musste.


9 December 2009

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Programmhinweis: Khesrau jetzt auch in Wellenform!

Nur ganz kurz und dreckig: Jeden Freitag zwischen 7:00 und 9:00 Uhr kann man mich bei Radio F.R.E.I. mit einem neuen Text in der Sendung Kaffeesatz mit Patrick Stegemann und Johannes Smettan hören. Früh aufstehen, Kaffee aufsetzen und dann den Sätzen lauschen – auch »Kurzanleitung zum Glücklichsein« genannt…

Zu empfangen entweder auf UKW 96,2 MHz, im Kabel (Erfurt, Arnstadt, Gotha, Sömmerda) auf 107.9 MHz oder im Internet dank Webradio.


7 December 2009

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24. Treffen Junger Autoren

Ich hatte dieses Jahr das Privileg, zum Treffen Junger Autoren nach Berlin geladen worden zu sein. Speziell wegen meines Textes Der General, der als »bemerkenswert und beispielhaft« ausgewählt wurde. Das muss übrigens stimmen – schließlich habe ich es schriftlich!

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Das Treffen fand vom 12. bis zum 16. November statt. Es gab neben Workshops und Austausch mit ganz vielen ganz großartigen Menschen eine große »Preisträgerlesung« am 13. November im Hebbel am Ufer HAU ZWEI. Dort wurden die prämierten Texte vorgelesen, während irgendsoeine Frau vom Ministerium für Bildung und Forschung von einem Fettnäpfchen ins nächste gestampft ist. Schön übrigens, dass Laura Naumann und Ludwig »Touchy Mob« Plath die Veranstaltung moderieren durften. Dies gibt mir nämlich die Möglichkeit, an dieser Stelle ihre Namen zu erwähnen und ganz dreist Werbung für Ludwigs tolle Musik zu machen. Ha! – Weil ich es kann!

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© Ulrike Loeser

Zwischendurch durfte ich ein Radio-Interview für multicult2.0 geben und ein wenig über mich und das Treffen plaudern. An dieser Stelle sei natürlich den Damen und Herren vom Radio ganz herzlich gedankt.

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Im März 2010 erscheint übrigens die Anthologie zum diesjährigen Treffen mit dem Titel schräg gegens licht. Der General wird darin natürlich auch enthalten sein. Sobald man das Buch käuflich erwerben kann, gebe ich an dieser Stelle stolz wie Oskar Bescheid.

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© Ulrike Loeser


17 October 2009

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Veranstaltungstipp #012: Street Poetry in Helmstedt

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6. Street Poetry in Helmstedt
Wann: 23. Oktober 2009, 20 Uhr
Wo: Forum Julianum, Helmstedt
Eintritt: 4 Euro
> mehr Infos <

Vor ein paar Monaten wurde ich von Dominik Bartels gefragt, ob ich denn Lust hätte, auf seiner Lesebühne aufzutreten. Ich habe natürlich fleißig genickt und freue mich schon auf den Auftritt. Ganz ohne Wettbewerbsdruck, aber mit toller Musik von The F**k Hornisschen Orchestra, deren Julius Fischer genauso solo auftreten wird wie Peh aus Berlin, Udo Tiffert aus Görlitz und meine Wenigkeit aus Erfurt, eigentlich aus Berlin, eigentlich aus Kassel und ganz eigentlich aus Kabul. Aber das ist eine lange Geschichte. Für die Showeinlage sorgt diesmal Pete the Beat. Das alles nennt sich dann »Kleinkunst«. Irgendwie muss man ja bescheiden bleiben.


19 September 2009

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Veranstaltungstipp #011: 21. Kasseler dichterrat Poetry Slam

21. Kasseler dichterrat Poetry Slam
Wann: 19. September 2009
Wo: Kulturfabrik Salzmann (Salzmann Factory), Kassel
Eintritt: 6€ / 4€ (ermäßigt)
> mehr Infos >

Heute Abend: Die vorletzte Kasseler Poetry Slam. Dabei sein lohnt sich: Nils Heinrich aus Stuttgart gestaltet das Rahmenprogramm, während mindestens sechs Dichterinnen und Dichter ihre geistigen Ergüsse darbieten. Ich bin natürlich auch wieder dabei und lese einen neuen Text, der heute erst fertig wurde. Wahnsinn!


11 August 2009

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Kennedy

Personen:
Vater
Die Tochter des Vaters
Richter
Ein schwarzes Kind
Prozess-Zuschauer

Das Mädchen hält in den Armen sanft den rauen Kopf des Vaters fest
und solidarisch wie das Kind mit den warmen Worten des Vaters ist,
verspricht sie klar und allzu deutlich seinem zittrigen Angesicht:
„Komme auch der größte Sturm –
Dein Geheimnis verrat ich nicht.“

Der Vater nickt kaum erkennbar, flüchtet sich mit Gram im Scham,
senkt den Kopf, wie jedes Mal, wenn die Schuld ihn überkam,
formt die Lippen mit Bedacht, um dem Kinde zu gestehen:
»Als ich tat, was ich tat –
da hab ich nicht mehr dich gesehen.«

So tritt das Kind mit dem Vater stolz in den viel zu vollen Saal hinein,
das Haupt erhoben, alles glotzt, denn heute werden sie Kläger sein,
solidarisch stehen Menschen auf, es gibt Applaus für Vater und Kind:
„Gerechtigkeit für die Schändereien –
die des Opfers größten Narben sind!“

Angeklagt in der Mitte sitzt: ein junger Bub vor Furcht erstarrt,
die Fingerkuppen schmutzig, und seine Haut nur dunkles Schwarz,
der Richter lächelt ganz entzückt und fragt den Jungen nach der Tat:
„So glaubt mir doch, ich war es nicht –
ich bin zu Unrecht angeklagt!“

Als der Richter sichtlich sich sodann enttäuscht zum Vater wendet,
und das Licht im Saal so sichtlich ihm die Augen blendet,
bricht der Vater in sich zusammen, da schreit das Kind in den Saale artig:
„Er kann nicht sprechen, es tut ihm weh -
vom Neger dort wurd’ ich vergewaltigt!“

Im Saale stehen die Menschen auf, dem Richter reicht die Leidenschaft.
Das Publikum soll endlich ruhn, es schreit aus ganzer Leibeskraft,
der Richter warnt, es sei soweit, das Urteil wolle er nun verkünden
(alles hält den Atem an) –
„Und er muss büßen für seine Sünden.“

Der Junge schluckt, ihm bricht der Boden unter den nackten Füßen weg,
er lauscht den dumpfen Stimmen und in ihren Flüchen dem ganzen Dreck,
den Worten will er sich erwehren, doch lose schwingt jeder Ton alleine:
„So glaubt mir doch, ich war es nicht –
(und der Rest der Stimme ist keine.)

Das Mädchen hält in den Armen sanft den rauen Kopf des Vaters fest
und solidarisch wie das Kind mit den eig’nen sanften Worten ist,
erinnert es ihn an das Versprechen, das es ihm zuvor so edel gab:
„Dein Geheimnis verrat ich nicht –
weil ich Dir verziehen hab.“


14 July 2009

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Veranstaltungstipp #010: Hessische Slam-Meisterschaften

Hessische Poetry Slam Meisterschaften
Wann: 10.-12. September 2009
Wo: KFZ / Cafe Trauma / Cineplex, Marburg
Eintritt: u20 Finale (5 €) und das Halbfinale 1 (5 €) im KFZ, das Halbfinale 2 (5 €) im Cafe Trauma und die Eröffnungsshow im Theater am Schwanhof (6/8 €) in den Vorverkaufsstellen
> mehr Infos < logo hessenslam blau

Vom 10. bis zum 12. September finden in Marburg die hessischen Slam-Meisterschaften statt und irgendwie habe ich es geschafft, mich dafür zu qualifizieren. Muss aber betrunken gewesen sein oder gerade dabei, mich über das neueste Werk von Juli Zeh aufzuregen. Die beiden Dinge nehmen sich nämlich echt nicht viel.

Was auch immer geschehen ist: Ich bin dabei. Und ich würde mich freuen, wenn ein paar von Euch sich auch blicken lassen würden. Es wird sicher ganz toll und ich gebe mein Bestes, diesmal meinen Text nicht zu vergessen, wie in Zürich geschehen. Dort stand ich irgendwann auf der Bühne und hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, was ich tun sollte. So harrte ich erstmal gefühlte fünf Minute aus und war wie paralysiert. Spongebob drüber, sag ich da nur. Es kann nur besser werden.

Ich trete übrigens am 11. September ab 20:00 Uhr im Halbfinale 1 im KFZ auf. Nur so fürs Kalender. Da müsst Ihr Euch eben noch Platz schaffen neben Schweigeminute, Gedenkfeuerwerk und Turm-Grillen.

flyer hinten hessen druck


30 June 2009

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Tag Eins

Er durchschaut die Flasche,
den Boden und den Hals,
sieht das Etikett und
verformt das Kindsgesicht,
lässt zwischen seinen krummen Fingern
- die Kuppen grob wie umkämpftes Land -
den Flaschenhals gleiten,
er muss zucken, jedes Mal,
wenn er seine Fratze im Gefäß
gespiegelt ziehen sieht.

Er greift zur Flasche, doch
jeder noch so kleine Schluck, ach,
bringt das Kind nicht zurück, das
tanzend auf
der Tanzfläche tobt, in
seiner Freiheit blind ü-
ber bespielten Boden schwebend; so
schaut er in den Raum hinein, wo
andere dasselbe tun, ach!,
könnt es doch ein letztes Mal
schreien wie am ersten Tag


26 June 2009

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MJ!


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