Etwas Grenzenloses Khesrau Behroz

20 July 2010

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Scheitern und Erkennen

Eine Erschütterung: “Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten” im Haus III&70.

“Jetzt ist es wohl zu Ende”, sagt eine Zuschauerin, kurz nachdem der Saal im Haus III&70 dunkel wird und die Geschichte von Bjartur und John ihren Schluss findet. Während des gesamten Stücks kommentiert sie alles, als säße man an einem Lagerfeuer und erzählte sich Anekdoten, als würde man verstaubte Fotoalben herauskramen und sie mit anderen teilen, als würde man einer Gesprächsrunde beiwohnen, als wäre man im Kreise der Familie.

Tatsächlich ist dieses vertraute Verhalten dieser Zuschauerin insofern verstörend, als dass das Geschehen auf der Bühne in den letzten 70 Minuten eher entfremdet, schockiert und erschüttert hat. Kristofer Gudmundsson und die beiden Spieler Gesine Hohmann und Stephan Stock erzeugen ein faszinierendes Bild mit ein paar Holzlatten, einem Diaprojektor, mit Nägeln und Bäuchen. Dabei bedienen sie sich bei zwei Romanvorlagen: “Sein eigener Herr” von Halldór Laxness und dem titelgebenden “Monument für John Kaltenbrunner: Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Aufrüsten der Aufrechten” von Tristan Egolf. Der erste ist ein isländischer Literaturpreisträger, der andere ein amerikanischer Schriftsteller, der durch Suizid gestorben ist. Beide Geschichten verstören zuerst durch Grausamkeit, man kann sich solche Leben nicht vorstellen, die nur funktionieren müssen, die keinen Platz mehr haben für Abweichungen, die sich aber andererseits auch nichts vormachen, der Sinnlosigkeit dessen bewusst sind, was diese Welt ihnen bietet und genau darin ihr Glück finden, genau danach streben.

Bjartur, ein sturköpfiger Kleinbauer aus Island, der aus dem Stegreif reimen kann, ein unverbesserlicher Despot über das eigene kleine bisschen Land, ein grausamer Idealist, der das wohl nicht einmal merkt, schätzt seine Schafe, nennt sie Goldflöckchen, nennt sie Silberblick. Rennen sie ihm mal weg, holt er sie wieder zurück, trotzt allen Widrigkeiten, trotz aller Widrigkeiten. Seine Frau Rosa hingegen heiratet er, weil es eben irgendwann mal sein muss, wenn das Land einigermaßen läuft, wenn man auf eigenen Beinen steht, unabhängig ist. Muss er sich entscheiden, wählt er seine Unabhängigkeit, wählt die Schafe, die ihm genau das zusichern, setzt sie sogar über seine eigene Frau, die infolge dieser Extreme stirbt und ein kleines Kind hinterlässt. Kurz: Stephan Stocks Bjartur ist sein eigener, selbstherrlicher Herr – bis zur letzten Konsequenz.
John Kaltenbrunner, Kleinbauer aus den Vereinigten Staaten, ist Opfer seiner Umwelt, jemand, der nicht zusammenbricht, sondern zusammengebrochen wird, jemand, der den Naturen ausgesetzt ist, den Stürmen, aber auch den Menschen. Am Ende sucht er dann den Aufstand, als Müllmann, als Anführer der Gescheiterten.

Bjartur und John gehören zusammen auf die Bühne. Auch wenn sie jeweils anders scheitern: sie scheitern. Sie treffen sich nicht, laufen entweder parallel nebeneinander oder sprechen in dialogischen Monologen, während im Hintergrund die jeweils andere Figur ihren Pflichten nachgeht und auf das Sprechen des Anderen scheinbar reagiert. Gesine Hohmann spielt nicht nur John Kaltenbrunner, sondern zum Beispiel auch die verschüchterte Rosa, Bjarturs Frau.

Und dann ist da noch die Stimme aus dem Off. Robert McKee ist kein Gott, aber er spricht vom großen Plan, vom Storytelling, erzählt, dass in Geschichten die Darsteller eine Entwicklung durchmachen müssen, er erzählt von Wendungen und von Klimax, das erinnert ein wenig an Aristoteles, nur moderner und mit mehr Schimpfwörtern zwischendrin. Nur: Wie erzählt man eine Geschichte, in der nichts passiert? Bjartur und John sind Persönlichkeiten, die sich nicht entwickeln, zwei Kleinbauern, die irgendwann stehen geblieben sind, entweder in ihrer Sturköpfigkeit oder in ihrem Frust. McKee ist sowas wie der Antagonist der Geschichte und, wenn man so will, auch ein Gescheiterter: Bei den Figuren stoßen seine Worte auf taube Ohren.

Erschütternd an diesem großartig gespielten Stück ist dann wohl tatsächlich die Einsicht, dass sie nicht so viel anders sind als wir: Wir alle kennen Trotz, wir alle kennen Frust. Die Emotionen sind uns bekannt, Stock und Hohmann schreien, dichten, fluchen sich durch das Stück mit großen Gesten und starker Präsenz, nutzen die Holzlatten, um Dinge zu bauen, die dann wieder zusammenfallen, nichts hält, alles fällt zusammen. Am Ende greift Bjartur wieder zum Holz. Die Bühne wird dunkel – wir müssen selbst weiterbauen.

Erstveröffentlichung in KFZ (KALSTART-Festivalzeitung) #04, Hamburg 2010. Die Ausgabe ist auch online abrufbar. Mehr Informationen zum KALTSTART-Theaterfestival gibt es hinter folgendem Link.


22 May 2010

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Theater bloggen

Frohe Kunde: Auch dieses Jahr blogge ich live und direkt vom Theatertreffen der Jugend in Berlin, nunmehr schon zum 31. Mal von den Berliner Festspielen veranstaltet. Was ich geistig so alles verzapfe gibt es dort drüben im Blog. Premiere übrigens: Uns gibt es jetzt auch auf facebook! Hier klicken und wenn Ihr schon dabei seid: Klickt doch dort auf »Gefällt mir« – das sorgt Erfahrungsberichten nach für ein schönes Kribbeln in der Bauchgegend.


16 March 2010

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Wunderbare Dinge

Mir wiederfahren derzeit ganz wunderbare Dinge. In aller Kürze, eine Auswahl:

Reise nach Rumänien
Am 18. März 2010 geht es für zwei Wochen nach Rumänien. Eigentlich wollte ich nach Thailand kein Reisetagebuch mehr schreiben, weil ich da viel zu inkonsequent bin in der Ausführung. Aber inspiriert von Michaels tollem Israel-Tagebuch, werde ich es trotzdem versuchen und wohl erst nach meiner Rückkehr ein paar kurze Berichte dazu schreiben.

schräg gegens licht – Die Anthologie zum 24. Treffen Junger Autoren
Sie ist jetzt endlich da: Die Anthologie zum Treffen erscheint im Brandes & Apsel-Verlag und kann über den Buchhandel oder zum Beispiel auch online bei Amazon erworben werden. Sie ist 142 Seiten dick und kostet 9,90 €. Darin abgedruckt ist mein Text »Der General«.

Die Lesung zur Anthologie
So eine Veröffentlichung will natürlich gefeiert und beworben werden – deswegen werden einige der Autoren (unter anderem auch ich) auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse sein und zwei Lesungen an zwei Terminen halten:

Donnerstag, 18. März | 14:00–14:30
Leipzig liest Forum Halle 4, Stand D113
Messe-Allee 1, 04356 Leipzig

Es lesen Annina Brell, David Holdowanski und Isabel Stunder
Moderation: Dr. Christina Schulz, Leitung Jugendkulturelle Bundeswettbewerbe

Donnerstag, 18. März | 19:15–20:15
Lange Leipziger Lesenacht
Moritzbastei, Oberkeller, Universitätsstraße 9, 04109 Leipzig

Auf der Langen Leipziger Lesenacht präsentieren Preisträgerinnen und Preisträger des Treffens Junger Autoren und Gewinner des lyrix-Wettbewerbs vom Deutschlandfunk ihre Texte.

Es lesen Khesrau Behroz, Kai Mertig, Jule Sonnentag, Lisanne Wiegand sowie Josefine Berkholz, Laura Sophie Luge, Theresa Pleitner und Andreas Thamm
Moderation: Dr. Christina Schulz, Leitung Jugendkulturelle Bundeswettbewerbe

Lange Leipziger Lesenacht ist eine Veranstaltung von ClaraPark und Leipziger Buchmesse in der Moritzbastei.

30. Theatertreffen der Jugend – Die Dokumentation
Das wunderschön gestaltete, 220 Seiten dicke Buch lässt das 30. Theatertreffen der Jugend in Berlin Revue passieren; mit Portraits, Impressionen und Kritiken der FZ-Redaktion, die das Festival begleitet hat und deren Teil ich dankenswerterweise sein durfte. Anfordern kann man die Dokumentation – kostenfrei! – bei den Berliner Festspielen. Das 31. Theatertreffen der Jugend findet vom 21. bis zum 29. Mai 2010 in Berlin statt. Ich werde auch dieses Jahr wieder dabei sein und an dieser Stelle zu gegebener Zeit darauf hinweisen.


3 February 2010

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Gift und die alten Herren

© Freyja Schimkus

Erstveröffentlichung in der Studenten-Zeitschrift campus:echo (#02) der Universität Erfurt. Hier anschauen und herunterladen.

Ich kenne sie schon seit so vielen Jahren nicht. Ein Bild ist mir noch immer nicht bekannt, ich träume nicht von ihr, nichts liegt mir ferner als das. Man sagt, zumindest die alten Herren sagen das, die mit den Falten und den grauen Haaren, die mit den abgetragen Pullovern und Hosen, sie sagen, ihre Präsenz habe der einer Königin geglichen, majästetisch. Mit strahlenden Augen sagen sie das, als würden ihre Erzählungen sie wieder zum Leben erwecken, als würde sie gerade in dem Augenblick, in dem ihr Name gesprochen, lächelnd durch die Türe treten, wie selbstverständlich, wie alltäglich.

Doch nichts von dem passiert.

Sie erzählen grölend ihre Geschichten, volltrunken, sie strahlen kurz, dann widmen sie sich wieder ihren Fernsehern, schauen den Nachrichtenkanal und sprechen über Politik, „diese Hurensöhne!“, dann trinken sie wieder ihre Biere und legen sich resigniert über den Bartresen und kurz vor dem Zusammenstürzen, kurz vor dem Zusammeklappen, mit dem übrig gebliebenen bisschen Kraft in ihren hageren Körpern, bestellen sie sich ein letztes Pils.

Sie nennen sie Gift. Wie sie wirklich heißt, das wissen auch die alten Herren nicht. Niemand weiß es. Doch alle nennen sie Gift, manchmal gehässig, manchmal zärtlich.

Gift ist eine Asiatin, „eine Vietnamesin, die aussah wie eine Polin!“, schreit einer vom Tresen, und ihren Namen hat sie ihrer Existenz zu verdanken: Gift sei ein Geschenk gewesen, sagen die alten Herren, sie habe sie alle damals gerettet, als sie jung waren und weit weg von Zuhause. Man könne das gar nicht alles in Worte fassen, sagen sie, man hätte das alles mal sehen müssen. „Überall Staub, ich habe nichts Anderes gefressen den ganzen Tag. Staubbrot, Staubwasser, und es war laut, verdammt, es war verflucht laut und die Augen waren stets nach links und rechts gerichtet, niemals geradeaus“, denn von vorne hat man den Feind nicht erwartet, „von vorne ist der Feind nie gekommen!“ Irgendwann habe man Ventile gebraucht, „man kann nicht ewig in die Luft ballern!“, alle alten Herren seufzen und schütteln die Köpfe, „das kann man wahrlich nicht tun“, sagt einer und schließt die Augen.

Der Körper, der ach so junge Körper damals, der habe immer Sehnsucht gehabt. Immer nur dieselben Wege laufen, immer wieder mal, wenn sich die Gelegenheit bot, in die Ferne schießen, „verfickte Reisfresser!“, es habe sich extrem viel gestaut, „auch in der Hose!“, lacht einer dreckig und die anderen alten Herren drehen sich um, schauen ihn an und lächeln milde mit. Denn als Gift kam, sich quasi in ihre Leben streute, nahmen sie ihren ganzen Mut zusammen und inmitten des ganzen Staubs und inmitten des ganzen Ärgers, der Pistolen- und Gewehrschüsse, den Bomben und dem Geschrei, inmitten von Chaos und Anarchie, inmitten von Willkür und Unbeständigkeit, von Überraschungen und Unwissen, inmitten all der Ziellosigkeit und all dem Stress, der unglaublichen Hitze und der Fremde, inmitten von Feinden und nur wenigen Freunden, dort haben sie ihr Geschenk ausgepackt. Zuerst haben sie es festgehalten und geschüttelt und gehorcht und gelächelt, sie haben sich amüsiert, die damals jungen Herren, haben sich das Geschenk hin- und hergeworfen, hin- und hergeschoben, haben vor lauter Ungedud das Geschenkpapier einfach aufgerissen und die Fetzen auf dem Boden liegen lassen – es war wirklich tolles Papier! –, haben das Objekt beobachtet, es war wunderschön und jung, unbenutzt, dann haben sie das Geschenk unter sich aufgeteilt, jeder hat auf seine Runde gewartet, jeder kam auf seine Kosten.
Es war das schönste Geschenk, das sie bis dato je erhalten hatten.

Der Barkeeper klopft dreimal auf seinen Tresen. Die alten Herren greifen alle fast gleichzeitig nach ihren Gläsern, trinken die darin enthaltenen letzten Schlücke, schmatzen ein letztes Mal und stellen sich mehr oder weniger gerade auf. Langsam bewegen sie sich zum Ausgang, verlassen die Bar und gehen Schulter an Schulter torkelnd die Straße runter.

Ich bleibe hinter ihnen, folge unaufmerksam. Als wir in einer dunklen Gasse ankommen, die betrunkenen Gestalten nur noch Konturen, räche ich meine Mutter.

Ich bringe sie alle um.


29 January 2010

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Interview mit Hochschulfernsehen

Das Hochschulfernsehen der Uni Erfurt hat mich dabei gefilmt, wie ich vor Selbstbewusstsein strotze. Spitze!

Dank an Milan, der das Interview geführt hat und die nette Kamerafrau, die rückwärts durch den Schnee latschen musste.


9 December 2009

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Programmhinweis: Khesrau jetzt auch in Wellenform!

Nur ganz kurz und dreckig: Jeden Freitag zwischen 7:00 und 9:00 Uhr kann man mich bei Radio F.R.E.I. mit einem neuen Text in der Sendung Kaffeesatz mit Patrick Stegemann und Johannes Smettan hören. Früh aufstehen, Kaffee aufsetzen und dann den Sätzen lauschen – auch »Kurzanleitung zum Glücklichsein« genannt…

Zu empfangen entweder auf UKW 96,2 MHz, im Kabel (Erfurt, Arnstadt, Gotha, Sömmerda) auf 107.9 MHz oder im Internet dank Webradio.


7 December 2009

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24. Treffen Junger Autoren

Ich hatte dieses Jahr das Privileg, zum Treffen Junger Autoren nach Berlin geladen worden zu sein. Speziell wegen meines Textes Der General, der als »bemerkenswert und beispielhaft« ausgewählt wurde. Das muss übrigens stimmen – schließlich habe ich es schriftlich!

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Das Treffen fand vom 12. bis zum 16. November statt. Es gab neben Workshops und Austausch mit ganz vielen ganz großartigen Menschen eine große »Preisträgerlesung« am 13. November im Hebbel am Ufer HAU ZWEI. Dort wurden die prämierten Texte vorgelesen, während irgendsoeine Frau vom Ministerium für Bildung und Forschung von einem Fettnäpfchen ins nächste gestampft ist. Schön übrigens, dass Laura Naumann und Ludwig »Touchy Mob« Plath die Veranstaltung moderieren durften. Dies gibt mir nämlich die Möglichkeit, an dieser Stelle ihre Namen zu erwähnen und ganz dreist Werbung für Ludwigs tolle Musik zu machen. Ha! – Weil ich es kann!

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© Ulrike Loeser

Zwischendurch durfte ich ein Radio-Interview für multicult2.0 geben und ein wenig über mich und das Treffen plaudern. An dieser Stelle sei natürlich den Damen und Herren vom Radio ganz herzlich gedankt.

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Im März 2010 erscheint übrigens die Anthologie zum diesjährigen Treffen mit dem Titel schräg gegens licht. Der General wird darin natürlich auch enthalten sein. Sobald man das Buch käuflich erwerben kann, gebe ich an dieser Stelle stolz wie Oskar Bescheid.

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© Ulrike Loeser


17 October 2009

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Veranstaltungstipp #012: Street Poetry in Helmstedt

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6. Street Poetry in Helmstedt
Wann: 23. Oktober 2009, 20 Uhr
Wo: Forum Julianum, Helmstedt
Eintritt: 4 Euro
> mehr Infos <

Vor ein paar Monaten wurde ich von Dominik Bartels gefragt, ob ich denn Lust hätte, auf seiner Lesebühne aufzutreten. Ich habe natürlich fleißig genickt und freue mich schon auf den Auftritt. Ganz ohne Wettbewerbsdruck, aber mit toller Musik von The F**k Hornisschen Orchestra, deren Julius Fischer genauso solo auftreten wird wie Peh aus Berlin, Udo Tiffert aus Görlitz und meine Wenigkeit aus Erfurt, eigentlich aus Berlin, eigentlich aus Kassel und ganz eigentlich aus Kabul. Aber das ist eine lange Geschichte. Für die Showeinlage sorgt diesmal Pete the Beat. Das alles nennt sich dann »Kleinkunst«. Irgendwie muss man ja bescheiden bleiben.


19 September 2009

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Veranstaltungstipp #011: 21. Kasseler dichterrat Poetry Slam

21. Kasseler dichterrat Poetry Slam
Wann: 19. September 2009
Wo: Kulturfabrik Salzmann (Salzmann Factory), Kassel
Eintritt: 6€ / 4€ (ermäßigt)
> mehr Infos >

Heute Abend: Die vorletzte Kasseler Poetry Slam. Dabei sein lohnt sich: Nils Heinrich aus Stuttgart gestaltet das Rahmenprogramm, während mindestens sechs Dichterinnen und Dichter ihre geistigen Ergüsse darbieten. Ich bin natürlich auch wieder dabei und lese einen neuen Text, der heute erst fertig wurde. Wahnsinn!


11 August 2009

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Kennedy

Personen:
Vater
Die Tochter des Vaters
Richter
Ein schwarzes Kind
Prozess-Zuschauer

Das Mädchen hält in den Armen sanft den rauen Kopf des Vaters fest
und solidarisch wie das Kind mit den warmen Worten des Vaters ist,
verspricht sie klar und allzu deutlich seinem zittrigen Angesicht:
„Komme auch der größte Sturm –
Dein Geheimnis verrat ich nicht.“

Der Vater nickt kaum erkennbar, flüchtet sich mit Gram im Scham,
senkt den Kopf, wie jedes Mal, wenn die Schuld ihn überkam,
formt die Lippen mit Bedacht, um dem Kinde zu gestehen:
»Als ich tat, was ich tat –
da hab ich nicht mehr dich gesehen.«

So tritt das Kind mit dem Vater stolz in den viel zu vollen Saal hinein,
das Haupt erhoben, alles glotzt, denn heute werden sie Kläger sein,
solidarisch stehen Menschen auf, es gibt Applaus für Vater und Kind:
„Gerechtigkeit für die Schändereien –
die des Opfers größten Narben sind!“

Angeklagt in der Mitte sitzt: ein junger Bub vor Furcht erstarrt,
die Fingerkuppen schmutzig, und seine Haut nur dunkles Schwarz,
der Richter lächelt ganz entzückt und fragt den Jungen nach der Tat:
„So glaubt mir doch, ich war es nicht –
ich bin zu Unrecht angeklagt!“

Als der Richter sichtlich sich sodann enttäuscht zum Vater wendet,
und das Licht im Saal so sichtlich ihm die Augen blendet,
bricht der Vater in sich zusammen, da schreit das Kind in den Saale artig:
„Er kann nicht sprechen, es tut ihm weh -
vom Neger dort wurd’ ich vergewaltigt!“

Im Saale stehen die Menschen auf, dem Richter reicht die Leidenschaft.
Das Publikum soll endlich ruhn, es schreit aus ganzer Leibeskraft,
der Richter warnt, es sei soweit, das Urteil wolle er nun verkünden
(alles hält den Atem an) –
„Und er muss büßen für seine Sünden.“

Der Junge schluckt, ihm bricht der Boden unter den nackten Füßen weg,
er lauscht den dumpfen Stimmen und in ihren Flüchen dem ganzen Dreck,
den Worten will er sich erwehren, doch lose schwingt jeder Ton alleine:
„So glaubt mir doch, ich war es nicht –
(und der Rest der Stimme ist keine.)

Das Mädchen hält in den Armen sanft den rauen Kopf des Vaters fest
und solidarisch wie das Kind mit den eig’nen sanften Worten ist,
erinnert es ihn an das Versprechen, das es ihm zuvor so edel gab:
„Dein Geheimnis verrat ich nicht –
weil ich Dir verziehen hab.“


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