Scheitern und Erkennen
Eine Erschütterung: “Vom Schlachten des gemästeten Lamms und vom Aufrüsten der Aufrechten” im Haus III&70.
“Jetzt ist es wohl zu Ende”, sagt eine Zuschauerin, kurz nachdem der Saal im Haus III&70 dunkel wird und die Geschichte von Bjartur und John ihren Schluss findet. Während des gesamten Stücks kommentiert sie alles, als säße man an einem Lagerfeuer und erzählte sich Anekdoten, als würde man verstaubte Fotoalben herauskramen und sie mit anderen teilen, als würde man einer Gesprächsrunde beiwohnen, als wäre man im Kreise der Familie.
Tatsächlich ist dieses vertraute Verhalten dieser Zuschauerin insofern verstörend, als dass das Geschehen auf der Bühne in den letzten 70 Minuten eher entfremdet, schockiert und erschüttert hat. Kristofer Gudmundsson und die beiden Spieler Gesine Hohmann und Stephan Stock erzeugen ein faszinierendes Bild mit ein paar Holzlatten, einem Diaprojektor, mit Nägeln und Bäuchen. Dabei bedienen sie sich bei zwei Romanvorlagen: “Sein eigener Herr” von Halldór Laxness und dem titelgebenden “Monument für John Kaltenbrunner: Vom Schlachten des gemästeten Kalbs und vom Aufrüsten der Aufrechten” von Tristan Egolf. Der erste ist ein isländischer Literaturpreisträger, der andere ein amerikanischer Schriftsteller, der durch Suizid gestorben ist. Beide Geschichten verstören zuerst durch Grausamkeit, man kann sich solche Leben nicht vorstellen, die nur funktionieren müssen, die keinen Platz mehr haben für Abweichungen, die sich aber andererseits auch nichts vormachen, der Sinnlosigkeit dessen bewusst sind, was diese Welt ihnen bietet und genau darin ihr Glück finden, genau danach streben.
Bjartur, ein sturköpfiger Kleinbauer aus Island, der aus dem Stegreif reimen kann, ein unverbesserlicher Despot über das eigene kleine bisschen Land, ein grausamer Idealist, der das wohl nicht einmal merkt, schätzt seine Schafe, nennt sie Goldflöckchen, nennt sie Silberblick. Rennen sie ihm mal weg, holt er sie wieder zurück, trotzt allen Widrigkeiten, trotz aller Widrigkeiten. Seine Frau Rosa hingegen heiratet er, weil es eben irgendwann mal sein muss, wenn das Land einigermaßen läuft, wenn man auf eigenen Beinen steht, unabhängig ist. Muss er sich entscheiden, wählt er seine Unabhängigkeit, wählt die Schafe, die ihm genau das zusichern, setzt sie sogar über seine eigene Frau, die infolge dieser Extreme stirbt und ein kleines Kind hinterlässt. Kurz: Stephan Stocks Bjartur ist sein eigener, selbstherrlicher Herr – bis zur letzten Konsequenz.
John Kaltenbrunner, Kleinbauer aus den Vereinigten Staaten, ist Opfer seiner Umwelt, jemand, der nicht zusammenbricht, sondern zusammengebrochen wird, jemand, der den Naturen ausgesetzt ist, den Stürmen, aber auch den Menschen. Am Ende sucht er dann den Aufstand, als Müllmann, als Anführer der Gescheiterten.
Bjartur und John gehören zusammen auf die Bühne. Auch wenn sie jeweils anders scheitern: sie scheitern. Sie treffen sich nicht, laufen entweder parallel nebeneinander oder sprechen in dialogischen Monologen, während im Hintergrund die jeweils andere Figur ihren Pflichten nachgeht und auf das Sprechen des Anderen scheinbar reagiert. Gesine Hohmann spielt nicht nur John Kaltenbrunner, sondern zum Beispiel auch die verschüchterte Rosa, Bjarturs Frau.
Und dann ist da noch die Stimme aus dem Off. Robert McKee ist kein Gott, aber er spricht vom großen Plan, vom Storytelling, erzählt, dass in Geschichten die Darsteller eine Entwicklung durchmachen müssen, er erzählt von Wendungen und von Klimax, das erinnert ein wenig an Aristoteles, nur moderner und mit mehr Schimpfwörtern zwischendrin. Nur: Wie erzählt man eine Geschichte, in der nichts passiert? Bjartur und John sind Persönlichkeiten, die sich nicht entwickeln, zwei Kleinbauern, die irgendwann stehen geblieben sind, entweder in ihrer Sturköpfigkeit oder in ihrem Frust. McKee ist sowas wie der Antagonist der Geschichte und, wenn man so will, auch ein Gescheiterter: Bei den Figuren stoßen seine Worte auf taube Ohren.
Erschütternd an diesem großartig gespielten Stück ist dann wohl tatsächlich die Einsicht, dass sie nicht so viel anders sind als wir: Wir alle kennen Trotz, wir alle kennen Frust. Die Emotionen sind uns bekannt, Stock und Hohmann schreien, dichten, fluchen sich durch das Stück mit großen Gesten und starker Präsenz, nutzen die Holzlatten, um Dinge zu bauen, die dann wieder zusammenfallen, nichts hält, alles fällt zusammen. Am Ende greift Bjartur wieder zum Holz. Die Bühne wird dunkel – wir müssen selbst weiterbauen.
Erstveröffentlichung in KFZ (KALSTART-Festivalzeitung) #04, Hamburg 2010. Die Ausgabe ist auch online abrufbar. Mehr Informationen zum KALTSTART-Theaterfestival gibt es hinter folgendem Link.






