Etwas Grenzenloses Khesrau Behroz

13 June 2007

Blog

documenta 12: Akkreditierung

So manch einer wird sich wohl heute gewundert haben. Pässe baumelten in der Luft, Kassel begann plötzlich, Englisch zu sprechen, den Sinn für Mode irgendwie endgültig zu verlieren und gemeinschaftlich in die Straßenbahn zu steigen. Aber, nicht doch, es waren wirklich nur Künstler, ganz harmlos. Alle hier, um den Start der documenta 12 zu erleben. Presseleute liefen mit Kameras umher und filmten alles, was sie sehen konnten. Um 12 Uhr war eine Pressekonferenz angesetzt, die letztendlich wenig spannend war. Zuerst redeten Politiker, die keiner wirklich hören wollte. Man sei sehr stolz auf Kassel, auf die documenta, auf den künstlerischen Leiter Roger M. Buergel. Das Wort wurde weitergegeben und der nächste Politiker freute sich über die documenta; man sei übrigens Roger M. Buergel sehr dankbar für seine Arbeit. Dann gab man das Wort an den dritten Politiker und der hatte kapiert, einfach nur »Danke« zu sagen und seine Freude darüber auszudrücken, Millionen Euro in die documenta 12 investiert zu haben. Ob er Roger M. Buergel gedankt hat, weiß ich nicht; ich spielte nämlich inzwischen am tollen Übersetzungsgerät herum, das Englisch, Französisch und Deutsch sprechen konnte. Wow!

Immerhin konnten fünf geladene Künstlerinnen und Künstler etwas über ihre Arbeit erzählen. Allesamt waren sie sympathisch, einige provozierten sogar einen Applaus der ansonsten sehr stillen Presseleute. Ahlam Shibli (laut Pressemappe »Künstlerin«) wollte nicht in ihrer Muttersprach sprechen, weil sie selbst ihre Landsleute nicht verstehen könnten. Gelächter. Mary Kelly (laut Pressemappe »Künstlerin«) fand es schockierend, als sie zum ersten Mal den ihr zur Verfügung gestellten Raum sah, der in Pink erstrahlte. Gelächter. Und Ruth Noack, Kuratorin und Ehefrau Buergels, erklärte sehr anschaulich das Bilderbuch der diesjährigen documenta; in einer frühreren Version, so Noack, fehlten doch glatt die ersten zwanzig Seiten. Gelächter.

Highlights der Pressekonferenz: eine documenta-Tüte mit Pressematerial; ein Hinweis weniger Demonstranten darauf, dass das »bloße Leben« (ein Leitthema der diesjährigen documenta) 400.000 Tote in Darfur seien; ein vielsagender Button in Form eines Flaschendeckels – und die wunderbaren Wörter der deutschen Presse-Sprache.

Akkreditierung. Klasse!

Ach ja, spart euch heute und morgen die documenta-Berichterstattung bekannter Zeitschriften und Zeitungen. Alle schreiben sie nämlich dasselbe; die dpa hat ganz wunderbare Arbeit geleistet. Was für eine Vielfalt!


1 Kommentar

Mikkai
31 July 2010 @ 3pm

Die DXII war eine Ansammlung von historischer Arbeit. Ein Irrgarten aus Konzepten, aus Mehrfachverwertung von Inhalten. Enttäuschend, aufgeblasen, öde wie die Wüste.

Die DXI hingegen bot einige Highlights:

- zusammengeschlagene Stühle, die wieder zusammengeklebt waren.
- Mark Manders, der sich selbst als Gebäude darstellte, mit einem Wink in Richtung Autismus, Objekt / Subjekt, Stanislaw Lem
- ein Video über Straßenecke im Gazastreifen – riesen Leinwand, kein Kommentar, aber Gummigeschosse
- ein Video von Stan Douglas: Computergesteuerte Kameras, Bild in Bild – zufallsgeneriert, ein unendliche langer Film.
- Quake III – chinesische, interaktive Plastik: Computerfigur mit Rocketlauncher und Kamera ballert andere Klone seiner selbst ab, ebenfalls mit Kamera und Raketen
usw…

Um nur Beispiele zu nennen.
Die 12er war ein Wit, ohne Pointe, mit dem bitteren Geschmack, dafür Geld ausgegeben zu haben.

Mikkai


Hinterlasse einen Kommentar