Etwas Grenzenloses Khesrau Behroz

13 February 2008

Prosa

Geschichtenerzähler

Menschen sind dazu da, um Geschichten zu erzählen. Von Augenblicken, von den Tagen davor, von den Tagen, die vor ihnen liegen. Von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir nicht einmal sprechen, um etwas zu sagen, uns nicht bewegen, um es doch zu tun. Sie erzählen davon, wie sie den Tag verbracht haben, erzählen davon, wie sie diesen einen Jungen gesehen, dieses eine Mädchen geliebt haben. Sie erzählen von Kriegen und wie sie sie überlebt haben, erzählen von Kriegen, von denen sie gehört haben. Sie erzählen sich Geschichten, die sie sich ausgedacht haben, sie lügen und sprechen Wahres. Sie sprechen über Moral, über Liebe, über Sex und was es sonst noch so für Schlagwörter gibt. Sie sprechen von der letzten Autofahrt und von diesem einen Fahrer, der ihnen in die Spur gefahren ist. Manchmal erzählen sie von den Toten und meistens sind das Menschen, die sie kannten. Es gibt sogar welche, die erzählen von Hexen, von Feen, von Drachen und riesigen Menschen, sprechen über Mörder und Verräter, über Gott und den Teufel, es gibt einige, die schreiben über die Mitte der Welt, wo auch immer die liegen mag.
Nichts davon ist verkehrt. Menschen drängen sich nämlich auch gerne in den Vordergrund, wollen unbedingt loswerden, was sie bedrückt; unbedingt erzählen, was ihnen auf den Lippen liegt. Also nehmen sie an Diskussionen Teil, stellen sich in eine Gruppe von Menschen und lästern mit, schreiben Lieder und ganze Bücher. Heutzutage, wo jeder Mensch sich einzeln durchsetzen und seine Existenz hinausschreien muss, um überhaupt zu existieren, veröffentlichen Menschen sogar Online-Tagebücher, melden sich bei sozialen Netzwerken an, „erklicken“ sich Freunde und sammeln sie wie Pannini-Sticker, um dann auch ihnen von der letzten Party zu erzählen und sie zu fragen, ob sie denn noch wissen, damals, als alles noch so lustig war.
Es gibt viele Kritiker, die „Blogs“ als einen unendlich großen Haufen Abfall betrachten, an dem jeder Mal vorbeigehen und etwas hinzuschmeißen kann. Es gibt da diesen einen Jungen, der die Amerikaner nicht mag, der Andere dort kann sich mit Schoko-Donuts nicht anfreunden und die eine Frau dort fragt sich, ob man schwarz wirklich zu weiß tragen kann. Was die Kritiker jedoch selten sehen: Es geht hier nicht um Qualität oder irgendeinen (utopischen) journalistischen Anspruch. Es geht hier auch nicht darum, die Welt zu verbessern mit der eigenen Meinung. Der Junge erwartet nicht, dass Kamps seine Schocko-Donut-Politik ändert und mit sofortiger Wirkung nur noch welche ohne Loch in der Mitte anbietet.
Es geht darum, Geschichten zu erzählen. Egal, wie banal sie sind, egal, wie doof sie klingen, egal, ob sie irgendjemanden irgendwo auf der Welt interessieren oder nicht. Es reicht meistens schon aus, etwas zu schreiben und sich ein kleines Stückchen leichter zu fühlen. Menschen bekommen heutzutage so viele Informationen täglich hineingestopft – manchmal ist es auch gut, ein wenig davon wieder loszuwerden, um Platz für Neues zu schaffen. Der Unterschied jedoch zwischen dem dauerquasselnden Typen im Internet und dem in der Bahn ist der, dass ich den einen wegklicken kann und den Anderen nicht. Es mag ja sein, dass sich Millionen von Menschen Online-Tagebücher halten – aber wer merkt das denn schon? Die meisten sind für einen privaten Kreis bestimmt, meistens für Freunde, die mitlesen sollen, was man für Abenteuer im Ausland erlebt und wie sehr man die Daheimgebliebenen vermisst.
Oft ist es auch einfach nur der Glaube daran, dass Freunde eben wissen wollen, wie es einem geht; dass es Freunden eben nicht total gleich ist, wenn man schreibt, dass dieser Autofahrer, der einem in die Spur gefahren ist, einen dazu gebracht hat, auf die Bremse zu drücken, was dann unglücklicherweise dazu führte, dass der Wagen hinter einem in den eigenen hineingefahren ist: Der Airbag öffnete sich, der Kopf schlug wuchtig dagegen, man blutete aus der Nase. Und da sind sie wieder, diese Geschichtenerzähler: Der eine dort hinten, der wird sein Handy zücken und seiner Freundin von dem Unfall erzählen; der etwas ältere Mann ganz vorne, der wird sich zu Hause über die rasende Jugend beschweren; das Mädchen rechts wird ihre Handy-Kamera anwerfen und das Bild sogleich an ihr Online-Tagebuch senden. Und wenn sie zu Hause ist, wird sie sich an ihren Computer setzen und anfangen, darüber zu schreiben. „Freunde!“, wird sie schreiben, „ihr werdet mir nicht glauben, was ich heute erlebt habe.“


1 Kommentar

Manuel
14 February 2008 @ 11pm

ganz klar gegen jung oder von matt!


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