Etwas Grenzenloses Khesrau Behroz

19 May 2008

Prosa

Viereck auf Viereck und viele Ecken mehr

Mosaik

Manche Menschen in unserer kleinen Stadt erinnern sich noch sehr lebhaft an jenen Abend, der alles und jeden verändern sollte. Vielleicht war es dieser unerhörte Einbruch in unsere Ruhe, dieser überraschende Versuch, alles auf den Kopf zu stellen, eine Bedrohung zu sein für den Alltag, eine Aktion zu sein gegen das Übliche, Verdächtige und Unbeteiligte. Wacht auf, schien er uns sagen zu wollen, wacht auf, ihr seid noch am Leben. Und selber stand er da. Ganz plötzlich kam er in das Café und schaute sich drängend um, bohrte sich mit seinen stechenden Augen tief in unsere Scham, während wir die Löffel in den Tassen kreisen ließen und Gespräche führten über alltägliche Nichtigkeiten und den neuesten Monatsberichten, zwischen irgendeinem Lebensgefühl und der Angst, auf der Straße zu landen. Die Globalisierung, beschwerten wir uns, würde sich fortbewegen und ausgerechnet wir würden dann davon nicht profitieren. Wir hatten keinen tatsächlichen Grund für diese Annahme, aber in Sorge sein war schon immer besser, als an die Beständigkeit zu glauben. Das hatten wir verstanden, so wollten wir es sehen.

Ich glaube, er geschah aus dem Augenwinkel. Denn nur so sah man diese Person. Viele fürchteten sich, den gesamten Körper ihm zuzuwenden, scheuten die Konfrontation und die Vorwürfe der Gesellschaft, ihrer eigenen Gesellschaft, sie, wir, die wir alle ein Teil davon waren, wir, die das Organ waren, wir atmeten und starben unter ihr, dieser Gesellschaft. Wir waren nicht gerade in Erklärungsnot und wir wollten es auch nicht sein. Zuerst war es also nur ein leises Flüstern. Dann war es ein unbestimmtes Nicken und Zustimmen, einige hielten ihre Hände wie kleine Schirme vor den Mund, wollten dämpfen und nicht mehr kläffen.

Ich glaube, es geschah aus dem Augenwinkel heraus. Er stand noch immer einfach nur da, in unserem Café, in unserer kleinen Stadt. Keiner kann ihn mehr beschreiben, alle sahen nur das Profil, die Hälfte eines Ganzen; es sind inzwischen unbrauchbare Erinnerungen, kaputte Fetzen, die sich in den Köpfen herumtreiben, abgebrochene Wahrnehmungen einer Gestalt, die alles verändern sollte. Manche sagen, wir würden unseren Helden nicht ehren, andere zeigen mit dem Finger auf uns und sagen gar nichts. Doch immer spüren wir diesen Schuldspruch über unseren Köpfen niederprasseln, und es prasselt so schnell und so hart, dass man das Gefühl bekommt, einen Applaus zu hören. Es ist nicht klar, ob wir uns an irgendeinem Punkt an jenem Tag irgendetwas eingestehen. Wir glauben es aber zumindest im Nachhinein.

Es geschah aus dem Augenwinkel heraus. Das letzte Mal, als ich kurz hinüberblicken wollte, schaute er sich immer nervöser um. Der Mann war allgegenwärtig, er war nicht mehr zu übersehen. Plötzlich stand er da und er strahlte und leuchtete und wir glaubten nicht an das Böse. Doch die Dinge, die wir immer erwartet hatten und die Dinge, die wir stattdessen stets bekamen, waren niemals deckungsgleich. Ein kleiner Rand war nicht zu vermeiden. Schwarz auf weiß und der kleine Streifen dazu. Viereck auf Viereck und noch eine Ecke mehr.

Und er riss seine Jacke auf. Und er murmelte seine letzen Worte. Und er zog den Stift. Und die andere Seite, ich schaute so deutlich hinüber, dass es mir schon fast peinlich war, ja, die andere Seite verschwand in einer gigantischen Explosion. Und ich frass Staub, doch duckte mich nicht. Das Schwarz platzierte sich auf meine Haut, Asche bedeckte meinen Körper und ich hatte das Gefühl, alles würde verschwinden und sich nichtig machen. Wer waren diese Kinder, die plötzlich schrieen? Wo waren sie vorhin gewesen? Wer waren diese Menschen, die sich an mich klammerten und mein Gesicht berührten und über meine Formen fuhren? Warum musste ich alle abweisen? Nein, ich bin nicht Peter. Nein, ich bin nicht Margereth. Nein, ich bin nicht Martin. Keine Angst, er ist sicher noch irgendwo. Doch ich bin niemand von euch. Lasst mich in Ruhe, mein Kaffee war vorhin schon kalt. Ich warte auf niemanden. Ich staune. Sie alle laufen wild umher, das Gebrüll wird immer lauter, das leidende Schreien einiger versucht, sich in mein Mark zu beißen, doch ich bleibe standhaft. Ich bewege mich nicht, lege meine Hände auf den mit Asche bedeckten Tisch und in der dunklen Wolke irgendwo in diesem Raum, zwischen all den toten Kaffeetrinkern und Lebenskünstlern und Globalisierungsopfern, ja, da liegt unser Held. In womöglich Tausenden von Teilen zerteilt liegt er zwischen all denen, die von seiner Druckwelle getroffen und niedergestreckt wurden. Die kleine Kraft in der großen Masse und ich war zu weit entfernt, um mitzusterben. Die Globalisierung, würden viele hinterher scherzhaft sagen, ach, sie trifft doch sowieso nur diejenigen, die zusammenrücken. Und heldenhaft, hier würden jetzt viele kichern, ist einzig und allein der zersprengende Faktor.


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