Am 1. Mai in Berlin stand ich am Straßenrand und als ich die Menschen in ihrem Treiben beobachtete, musste ich unkontrolliert weinen. Der Drang überfiel und überraschte mich.
Also suchte ich nach den Gründen, nach dem Hammer, der mir metaphorisch auf mein Knie schlug und mich reagieren ließ, ob ich wollte oder nicht. So ließ ich die Augen schweifen und guckte Menschen.
Zuerst war nur tanzen. Körper drängten sich durch die Massen und stießen aneinander. Personen entschuldigten sich, sie liefen sich gegenseitig über die Füße. DJs kratzten ihre Scheiben, Sänger schrien in die Mikrofone unverständliche Sätze von inneren Unruhen; den Menschen vor den Bühnen war es egal, sie nickten mit den Köpfen, als wären sie einverstanden.
Doch irgendwann, wie in einer Allee, in der nach und nach alle Straßenlaternen ausgehen, hörten die Menschen auf, sich vor den Bühnen aufzuhalten. Die DJs hörten auf, ihre Scheiben zu kratzen und die Sänger schwiegen, ließen ihre Sätze von inneren Unruhen im Inneren ruhen.
Denn irgendwo warf irgendwer den ersten Stein. Und irgendwann war irgendwie das alles zu viel. Polizisten, dick eingekleidet, schwer bewaffnet, einschüchternd in ihrer lächerlichen Montur, standen Rücken an Rücken, eingekesselt von der wilden Masse, die scheinbar grundlos mit Steinen und dann mit Flaschen schmiss. Jugendliche sonnten sich in ihrer Idiotie, brüllten plakative Sätze wie Papageie in die Masse von Tauben. Der eine meinte, er sei linksautonom; wahrscheinlich glaubt er schon seit Jahren daran, man könne vor jedes Wort einfach eine Richtungsanweisung hängen und schon politisch sein: linksautonom. rechtsintensiv. Linkserdbeere. Rechtsikeaschrank.
Am 1. Mai stand ich am Straßenrand und weinte. Zuerst glaubte ich, ich sei zu emotional. Ich dachte, die Menschen würden mich berühren in der Art wie sie ihre Zeichen setzten. Vielleicht war ich auch nur angekotzt von der Art, wie einige Leute versuchten, in ihrer unendlich erweiterbaren Dämlichkeit irgendetwas zu sagen und weinte aus Mitgefühl. Für einen kurzen Augenblick dachte ich auch, ich würde aus politischen Gründen weinen; als hätte ich das »System« dumm gefunden oder irgendein anderes Schlagwort, das selbstgefällige Demonstranten gerne auf Transparenten vor sich tragen.
Doch irgendwann, kurz bevor auch ich zu dem Teil der Allee wurde, in der nach und nach alle Straßenlaternen ausgehen, und ich davonlief, peinlich berührt von meinen Mitmenschen, mich schämend für ihr grausiges Unverständnis, ein Maifest zu feiern, realisierte ich den tatsächlichen Grund für das Weinen. Es war keine emotionale Reaktion, es war eine chemische: Tränengas.
Erstveröffentlichung in der Festival-Zeitung des 30. Theatertreffens der Jugend, der FZ#1.