Etwas Grenzenloses Khesrau Behroz

24 June 2009

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Veranstaltungstipp #009

Lauschgift, Lesebühne
Wann: Freitag, 26. Juni 2009, 21:00 Uhr
Wo: Kurt-Lade-Klub, Grabbeallee 33, Berlin
Einlass: 20:00 Uhr
Eintritt: 3 €
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Ich bin am Freitag wieder auf einer Lesebühne und lese (hoffentlich) neues Zeug. Ich bin ein notorischer Spätschreiber, texte meine Sachen meistens erst Stunden vorher. Unter Druck kritzelt es sich irgendwie kreativer, so habe ich jedenfalls das Gefühl. Solltet Ihr in Berlin oder in der Nähe sein: Kommt doch einfach vorbei. Ansonsten: Am Samstag ist das Sommerfest der Berliner Festspiele. Dort trifft man sich vielleicht auch an.


24 June 2009

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blickRück

© Kamila Maria Smechowski

© Kamila Maria Smechowski

Der Raum ist frei. Die Menschen sammeln sich in der Mitte; am äußeren Rand sitzen nur einige wenige. Draußen, vor der Tür und im Foyer, da unterhalten sie sich, gehen immer wieder zum Ausschank. Das Bier ist frei.

Die Unterhaltungen an diesem Abend wirken wie eine Katharsis. Unter dem Einfluss von Gerstensaft fällt das Reden leichter; „diesen Teil, den hab ich nicht verstanden“, „ich fand Deine Kritik nicht fair“, „ich bin, ganz ehrlich, ein bisschen neidisch auf Euer Stück“. Aus zwei Gesprächspartnern werden drei, vier, fünf; beim Vorbeigehen hört man ein Schlagwort, da hört man einen Einstieg. Doch am Ende, wenn alles raus ist, die Wörter, die kommen wollten, auch gekommen sind, treibt es sie alle in den Raum hinein, auf die Tanzfläche, die so groß ist, dass man von der einen zur anderen Seite fegen kann; im Hüpfschritt an den Mittanzenden vorbeirauschen, Körper, die sich fast treffen, aneinander stoßen. Der Kopf ist frei.

Als die Bühne das letzte Mal betreten wird, fühlt es sich merkwürdig an nach dem Theatermarathon. Jeden Abend ein Stück, jeden Tag die Diskussionen zum vorherigen Stück, jedes Mal enttäuschte, aber auch glückliche Gesichter. Auf dem Festival-Gelände treffen sich die Köpfe, einige laufen bewusst aneinander vorbei, andere halten die Köpfe nach vorne, grüßen alle, die sie sehen und irgendwann mal getroffen haben. Im Zelt, da stehen sie an, um etwas von der Fassbrause zu bekommen; es schäumt, es dauert. Und wenn sie dann das Zelt verlassen, hinein in den kleinen Garten, halten sie kurz inne, schauen sich um, suchen den Tisch mit Leuten, die sie kennen; ein kurzes Winken, ein rasches Lächeln; beim Vorbeigehen wird noch schnell gepriesen, „ihr wart super gestern Abend“, weitergehen. Im Kopf, da ist eigentlich noch viel mehr. Informations-Overkill. Beinahe fühlt man sich schlecht für seine kurzen Sätze, will viel mehr sagen. Vorsichtige Annäherungen mehren sich, das nächste Mal, so beschließt man, setzt man sich an einen anderen Tisch. So funktionieren Festivals, so funktioniert Theater. Die Gedanken sind frei.

Artikel bitte weiterlesen im Festival-Blog des Theatertreffens der Jugend, veranstaltet von den Berliner Festspielen.

Erstveröffentlichung in der Festival-Zeitung des 30. Theatertreffens der Jugend, der FZ#9.


20 June 2009

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Last Life in the Universe

© Rapid Eye Movies

© Rapid Eye Movies

Der Tod wird in Bildern vorweggenommen. Zuerst erhängt sich Kenji, baumelt von der Decke in seinem ordentlichen Zimmer, das er obsessiv geordnet hat. Schuhe, Messer, Bücher, Sitzecke, Unterwäsche, Socken. Dann springt er von der Brücke, stürzt in seinen Tod, in das kalte Nass. Doch seine halbherzigen Selbstmordversuche scheitern jedes Mal. Jemand kommt durch die Tür, er befreit sich vom Seil. Jemand blickt ihn auf der Brücke an, er kommt von der Brüstung runter. Die Augen, die ihm beim zweiten Mal helfen, sie sterben. Ein Auto überfährt das Mädchen.

Zuhause kommt sein Bruder immer wieder vorbei. Er spricht viel, Kenji schweigt. Er bringt Bier vorbei, Kenji packt es ordentlich in den Kühlschrank. Eines Tages bringt er auch einen Freund mit. Und Kenji, er findet eine Pistole. Er möchte sich umbringen, doch wieder kommt was dazwischen: Der Freund bringt den Bruder um. Auch Kenji tötet. Zwei Leichen im Wohnzimmer – das sind zwei Leichen zu viel.

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15 June 2009

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Die Braut trug schwarz

© Pierrot Le Fou

© Pierrot Le Fou

Die Liebe, in ihren größten Momenten, ist bedingungslos. Der von fremder Hand verschuldete Verlust eines geliebten Menschen ist, so tragisch er auch ist, oftmals auch eine Möglichkeit, sie zu beweisen. Jeanne Moreau, eine von Frankreichs bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen, hat es in einem Interview als „totale Einsamkeit“ beschrieben. Der Rachefeldzug ihrer Figur in Die Braut trug schwarz (1968), Julie Kohler, hat keine Umgebung. Man würde nicht sehen, wie sie schläft. Man könnte sich nicht vorstellen, wie sie morgens frühstückt. Sie läuft durch die Welt, besessen von dem einen Gedanken: Den Mord an ihrem Bräutigam rächen.

Dieser wird am Tag ihrer Hochzeit, glücklich, erschossen. Er stirbt in ihren Armen und lässt sie alleine. Julie Kohler, die Witwe nun, spürt in rund 100 Minuten die fünf Männer auf, von denen sie glaubt, dass sie eine Schuld tragen an dem Mord an ihrem Geliebten. Wir wissen nicht, wie sie die fünf Männer überhaupt aufgespürt hat. Wir wissen nicht, woher ihre bedingungslose Liebe rührt. Eine emotionale Bindung zwischen dem Zuschauer und Julie Kohler wird in keinem Prolog aufgebaut, eher soll ihr Motiv ihren Rachefeldzug erklären. Moreaus starrer Gesichtsausdruck, ihre bestechende Präsenz, spricht Bände. Stets ist sie entweder in schwarz oder in weiß gekleidet, kommt als Engel in die Leben der Männer, fast alle verlieben sich zuerst in sie, bevor Julie ihnen zum Verhängnis wird.

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5 June 2009

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So finster die Nacht

© MFA

© MFA

So wie sie sich vorsichtig herantastet, mit ihren nackten Füßen und den trockenen Lippen. In seinem Rücken erscheint sie plötzlich, auf dem Klettergerüst. Drumherum ist es weiß, der Schnee bedeckt alles, worauf er fallen kann. Mit ihrem Kopf schaut sie runter, doch mit ihren Augen schaut sie rauf. Er nähert sich ihr. Sie könnten, so sagt sie es, keine Freunde werden. Er weiß nicht, dass sie ihn warnt. Er weiß noch nicht, dass sie ein Vampir ist.

Als sie sich das nächste Mal treffen, ertönen sanfte Klänge, Schläge auf einem Xylophon, Streicher. Und in all der Ruhe und dem jugendlichem Frieden, da hören wir das Knurren ihres Magens; eine verstörende Kombination von Tönen, die im ersten Augenblick bedrohlich und im nächsten romantisch wirkt. Denn sie lässt ihn gehen, saugt das Blut aus seinem Körper nicht aus. Sie ist – so scheint es – verliebt.

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3 June 2009

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Korankinder

© Mayalok

© Mayalok

Wie ein Eisenstück, das im Wasser sinkt, wenn es hineingeschmissen wird. So sollen sie nicht enden. Eher, so erzählt es der Lehrer, sollen sie glühen. Und dann, wenn sie bereit sind, zurecht geformt werden. Vielleicht wie ein Boot; dann würden sie auf dem Wasser schwimmen.

Das passiert in einem der neun Räume; ein Lehrer von sieben, jeder für etwa 70 Schüler verantwortlich, unterrichtet, spricht vom guten Benehmen, begrüßt seine neuen Schüler, lächelnd. Die Koranschule, eine so genannte Madrasa, ist zum Brechen voll; ein Blick in die Räume offenbart Kinder, dicht an dicht, wie sie ihre Oberkörper rhythmisch vor- und zurückbewegen und Suren des Koran rezitieren und auswendig lernen. Die Bewegungen, so heißt es, sollen helfen, im Takt der kosmischen Zeit zu bleiben, der Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. Nur wenige wagen den Blick in die vorbeifahrende Kamera, der Lehrer sitzt im Schneidersitz und lauscht den Schülern, in seiner Hand ein langer Zweig; er wird ihn heute noch benutzen. „Bin ich Euer Feind?“, hatte einer der Lehrer zuvor gefragt. „Nein!“, haben die Kinder im Chor geantwortet.

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27 May 2009

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Maipapageien

Am 1. Mai in Berlin stand ich am Straßenrand und als ich die Menschen in ihrem Treiben beobachtete, musste ich unkontrolliert weinen. Der Drang überfiel und überraschte mich.

Also suchte ich nach den Gründen, nach dem Hammer, der mir metaphorisch auf mein Knie schlug und mich reagieren ließ, ob ich wollte oder nicht. So ließ ich die Augen schweifen und guckte Menschen.

Zuerst war nur tanzen. Körper drängten sich durch die Massen und stießen aneinander. Personen entschuldigten sich, sie liefen sich gegenseitig über die Füße. DJs kratzten ihre Scheiben, Sänger schrien in die Mikrofone unverständliche Sätze von inneren Unruhen; den Menschen vor den Bühnen war es egal, sie nickten mit den Köpfen, als wären sie einverstanden.

Doch irgendwann, wie in einer Allee, in der nach und nach alle Straßenlaternen ausgehen, hörten die Menschen auf, sich vor den Bühnen aufzuhalten. Die DJs hörten auf, ihre Scheiben zu kratzen und die Sänger schwiegen, ließen ihre Sätze von inneren Unruhen im Inneren ruhen.

Denn irgendwo warf irgendwer den ersten Stein. Und irgendwann war irgendwie das alles zu viel. Polizisten, dick eingekleidet, schwer bewaffnet, einschüchternd in ihrer lächerlichen Montur, standen Rücken an Rücken, eingekesselt von der wilden Masse, die scheinbar grundlos mit Steinen und dann mit Flaschen schmiss. Jugendliche sonnten sich in ihrer Idiotie, brüllten plakative Sätze wie Papageie in die Masse von Tauben. Der eine meinte, er sei linksautonom; wahrscheinlich glaubt er schon seit Jahren daran, man könne vor jedes Wort einfach eine Richtungsanweisung hängen und schon politisch sein: linksautonom. rechtsintensiv. Linkserdbeere. Rechtsikeaschrank.

Am 1. Mai stand ich am Straßenrand und weinte. Zuerst glaubte ich, ich sei zu emotional. Ich dachte, die Menschen würden mich berühren in der Art wie sie ihre Zeichen setzten. Vielleicht war ich auch nur angekotzt von der Art, wie einige Leute versuchten, in ihrer unendlich erweiterbaren Dämlichkeit irgendetwas zu sagen und weinte aus Mitgefühl. Für einen kurzen Augenblick dachte ich auch, ich würde aus politischen Gründen weinen; als hätte ich das »System« dumm gefunden oder irgendein anderes Schlagwort, das selbstgefällige Demonstranten gerne auf Transparenten vor sich tragen.

Doch irgendwann, kurz bevor auch ich zu dem Teil der Allee wurde, in der nach und nach alle Straßenlaternen ausgehen, und ich davonlief, peinlich berührt von meinen Mitmenschen, mich schämend für ihr grausiges Unverständnis, ein Maifest zu feiern, realisierte ich den tatsächlichen Grund für das Weinen. Es war keine emotionale Reaktion, es war eine chemische: Tränengas.

Erstveröffentlichung in der Festival-Zeitung des 30. Theatertreffens der Jugend, der FZ#1.


27 May 2009

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Veranstaltungstipp #008

auf ein Wort – Autorennacht
Dienstag, 26. Mai, Theater unterm Dach in Berlin
Eintritt: 21:00 Uhr
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Die Veranstaltung fand gestern im Rahmen des von den Berliner Festspielen ausgetragegen Theatertreffens der Jugend statt, ich hatte aber vergessen, darüber zu bloggen. Das ist jetzt natürlich unglücklich, weil die Menschheit die Zeitmaschine leider Gottes noch nicht erfunden hat. Aber ich wollte unbedingt die »Veranstaltungstipp«-Reihe fortführen. Das ist mir betont wichtig!

Es war übrigens fantastisch gestern Abend. Eine der besten Lesungen, bei denen ich bislang dabei war. Die Kollegen waren großartig, das Publikum war toll – immer wieder gerne! Apropos: Ich blogge derzeit für die Zeit des Theatertreffens hier über das Festival und insbesondere die dort aufgeführten Stücke.


13 May 2009

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Sieben Gründe, Twilight zu hassen

© Concorde

© Concorde

Robert Pattinson wird vergöttert, weil er einen glitzernden Vampir spielt. Warum ist bislang eigentlich niemand auf die Idee gekommen, eine Liste von Gründen zu erstellen, warum Twilight gehasst gehört? Dieses Vakuum ist nicht gesund. Deshalb gibt es jetzt die Sieben Gründe, Twilight zu hassen.

1. STEPHEN KING FINDET’S SCHEISSE
„J.K. Rowling und Stephenie Meyer sprechen direkt junge Menschen an… Der wahre Unterschied aber ist, dass Jo Rowling eine großartige Schriftstellerin ist und Stephenie Meyer ums Verrecken nicht schreiben kann. Sie ist nicht besonders gut.“

Ich bin wirklich kein Stephen King Fan, kenne wenige der Romanverfilmungen und habe auch nicht den Drang, alle seine Bücher zu verschlingen. Ich stimme ihm dennoch zu: Stephenie Meyer ist wie Dan Brown. Der kann auch nicht schreiben, ist ein mieser Schriftsteller, der weiß, wie Spannung erzeugt wird, aber in seiner Wortwahl so eingeschränkt ist wie Mr. Bean. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, denn Meyer hat anscheinend auch nicht den Anspruch, eine gute Schriftstellerin zu sein, sondern will schlicht und ergreifend eine Geschichte erzählen. Wenn sie allerdings den Thesaurus ausschlachtet wie George Lucas seine Star-Wars-Franchise, ist das einfach nur noch traurig.

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12 May 2009

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Nordwand

© Majestic

© Majestic

Als sie fallen, brechen die Stimmen weg. Es hört sich an wie eine Verfolgungsjagd zu Fuß. Es sind Schreie zu hören, kurze, impulsive Schreie. Niemand ruft um Hilfe, niemand ruft einen anderen Namen, niemand ruft irgendwas irgendwem irgendwie zu. Seile rutschen durch die Hände, Kraftlosigkeit wird plötzlich vertont: ein Keuschen, ein Luftholen, ein Festhalten und Loslassen.

Wenn Nordwand die Kletterer bei ihrer Arbeit zeigt, ist es ganz großes Kino. Oft holt die Kamera Luft, die Personen sind irgendwo in der Ecke, der massive Berg dominiert bedrohlich das Bild, auf der anderen Seite ist die Ferne zu sehen und der Boden der Tatsachen: Sie sind oben, sie sind in Lebensgefahr, sie haben – machen wir uns nichts vor – keine Chance. Der Berg, der eigentliche Hauptdarsteller, der sich betreten, beschlagen und nicht besteigen lässt, gibt den Ton an und vergreift sich darin selten: Spektakulärer wurde in keinem deutschen Film das Klettern inszeniert, den Vergleich mit internationalen Produktionen sollte und darf Nordwand nicht scheuen.

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